{"id":2207,"date":"2026-04-23T18:11:48","date_gmt":"2026-04-23T18:11:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.klobas.de\/?p=2207"},"modified":"2026-04-23T18:16:43","modified_gmt":"2026-04-23T18:16:43","slug":"am-strassenrand","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.klobas.de\/?p=2207","title":{"rendered":"AM STRASSENRAND"},"content":{"rendered":"\n<p>Seit Jahren streifte ich allein durch Felder und Wiesen, vorbei an alten Bauernh\u00f6fen und den warm leuchtenden Fenstern der Einfamilienh\u00e4user. Manchmal sah ich dort andere wie mich. Andere Katzen, die auf Fensterbrettern lagen oder durch gepflegte G\u00e4rten streiften und nur zur Freude M\u00e4use jagten. Doch sie waren anders. Ihr Fell gl\u00e4nzte, ihre K\u00f6rper waren rund und kr\u00e4ftig, und in ihnen lag eine Ruhe, die ich nie kannte. Sie mussten nicht st\u00e4ndig wachsam sein. Sie kannten keinen nagenden Hunger, keine klirrende K\u00e4lte, keine endlose Suche nach einem sicheren Platz f\u00fcr die Nacht. Im Fr\u00fchling legte ich mich oft ins hohe Gras, lie\u00df die Sonne mein Fell w\u00e4rmen und sp\u00fcrte, wie sich meine m\u00fcden Knochen ein wenig erholten. F\u00fcr einen Moment war alles leicht. F\u00fcr einen Moment war ich einfach nur da.<\/p>\n\n\n\n<p>Falls du es noch nicht erkannt hast: <strong>Ich bin ein Streuner.<\/strong> Ein getigerter Kater mittleren Alters. Au\u00dferdem bin ich noch vollst\u00e4ndig, so wie ich geboren wurde. Anders als viele der satt wirkenden Katzen hinter den Fenstern. Ich k\u00f6nnte Nachkommen zeugen, doch dieser Gedanke hat mich nie getr\u00f6stet. Warum sollte ich Leben schenken, das denselben harten Weg gehen muss wie ich?<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Abends war ich wieder unterwegs. Die D\u00e4mmerung legte sich \u00fcber die T\u00e4ler des Schwarzwalds und ich hatte mir gerade m\u00fchsam meine Mahlzeit erjagt. M\u00fcde machte ich mich auf den R\u00fcckweg zu der Wiese am Waldrand, wo eine verlassene Scheune stand, mein Pl\u00e4tzchen f\u00fcr die Nacht. Nur noch eine Stra\u00dfe trennte mich von meinem Ziel. Ich war immer vorsichtig. Schaute nach links, nach rechts. Lauschte. Doch an diesem Abend war ich nicht ganz bei mir. Vielleicht war es die Ersch\u00f6pfung. Ich h\u00f6rte es zu sp\u00e4t. Eine dieser schnellen, lauten Blechb\u00fcchsen traf mich hart, direkt am Kopf. Der Schmerz war unvorstellbar. Alles verschwamm. Ger\u00e4usche wurden fern, Gedanken zerfielen. Ich wusste nicht mehr, wo ich war. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann\u2026 Stimmen. Zwei Menschen. In einer blauen Blechb\u00fcchse waren sie gekommen. Sie trugen ebenfalls Blau. Ihre Stimmen klangen erschrocken, fast traurig. Einer von ihnen kniete sich zu mir, ber\u00fchrte mich. Zum ersten Mal in meinem Leben sp\u00fcrte ich eine menschliche Hand vorsichtig, warm. Ich hatte Angst. Gro\u00dfe Angst. Doch gleichzeitig war da etwas anderes. Etwas Sanftes. F\u00fcr einen kurzen Moment f\u00fchlte ich mich nicht mehr allein. Einer der M\u00e4nner sprach in ein kleines Ger\u00e4t, w\u00e4hrend der andere meine Pfote hielt. Ich sp\u00fcrte, wie meine Kr\u00e4fte schwanden. Meine Atemz\u00fcge wurden schwerer, langsamer\u2026 bis sie schlie\u00dflich ganz ausblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann geschah etwas Seltsames. Ich sah mich selbst. Meinen reglosen K\u00f6rper am Stra\u00dfenrand, und \u00fcber ihm mich. Leicht. Frei. Wie eine kleine, glitzernde Wolke, die langsam in den Himmel steigt. Die M\u00e4nner legten meinen K\u00f6rper behutsam an den Rand der Stra\u00dfe und fuhren davon. Kurz darauf kamen zwei Frauen. Sie suchten nach mir. Als sie mich fanden, knieten sie sich hin. Eine von ihnen strich mir sanft \u00fcber den Kopf. Ich konnte es nicht mehr f\u00fchlen und doch f\u00fchlte ich es irgendwie. Meine kleine Seele tanzte zwischen den Wolken, zog Kreise um sie herum, voller Freude \u00fcber diese letzte Geste der Zuneigung. Die Frauen hielten ein seltsames Ger\u00e4t an mich. Es piepte kurz, dann sch\u00fcttelten sie leise den Kopf. Vorsichtig zogen sie meinen K\u00f6rper ein St\u00fcck von der Stra\u00dfe weg und bedeckten ihn mit Bl\u00e4ttern. Ein stiller Abschied. Dann gingen auch sie. Und ich blieb zur\u00fcck, aber nicht mehr dort unten. Hier oben ist es anders. Ich friere nicht mehr. Ich habe keinen Hunger. Keine Angst. Nur Ruhe. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ich glaube, das ist der Himmel.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"986\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/blog.klobas.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/152487-986x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2208\" srcset=\"http:\/\/blog.klobas.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/152487-986x1024.jpg 986w, http:\/\/blog.klobas.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/152487-289x300.jpg 289w, http:\/\/blog.klobas.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/152487-768x798.jpg 768w, http:\/\/blog.klobas.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/152487.jpg 1088w\" sizes=\"(max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>06.03.2026, 23:45 Uhr. \u00dcberfahrene Katze bei Schopfloch. Ohne Kennzeichnung. Unkastriert. Vermutlich ein Streuner.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Jahren streifte ich allein durch Felder und Wiesen, vorbei an alten Bauernh\u00f6fen und den warm leuchtenden Fenstern der Einfamilienh\u00e4user. Manchmal sah ich dort andere wie mich. Andere Katzen, die auf Fensterbrettern lagen oder durch gepflegte G\u00e4rten streiften und nur zur Freude M\u00e4use jagten. Doch sie waren anders. 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