UNTEN AM FLUSS

Heute war ein warmer Tag und ich habe so großen Durst. Deshalb gehe ich am Neckar entlang und suche nach einer Pfütze, aus der ich etwas trinken kann. Das kühle Nass und das Rauschen des Flusses ziehen mich magisch an.

Ich komme immer näher, halte meinen Schnabel unter Wasser, verliere plötzlich das Gleichgewicht und tauche ins kühle Nass. Bevor ich wieder auftauchen kann, hat mich die Strömung bereits in ihrer Gewalt. Ich kämpfe, um ihr zu entkommen. Ich kämpfe, so wie jeden Tag. Diesmal nicht gegen den Hunger, sondern gegen die Strömung.

Leider wurde ich als Stadttaube geboren. Es reicht ja nicht, dass ich einer der meistgehassten Vögel in Deutschland bin. Ich bin leider auch kein Wasservogel und kann nicht schwimmen.

Die Strömung reißt mich immer weiter den Neckar hinab. Vorbei an Kneipen, Balkonen und Gehwegen. Menschen gehen an mir vorbei, während ich um mein Leben kämpfe. Mein Gefieder ist leider nicht so wasserabweisend, wie es in dieser Situation nötig wäre. Es saugt sich immer mehr mit Wasser voll und wird zu einem schweren, tödlichen Kostüm.

Mein Körper wird immer schwerer und ich kann meinen Kopf kaum noch über Wasser halten. Ich wünschte, ich könnte einfach wegfliegen. Einfach meine Flügel ausbreiten und dieser Strömung entkommen. Doch die Minuten vergehen wie Stunden. Ich kann leider nicht wegfliegen, da meine Füße festen Boden benötigen, damit ich mich abstoßen kann. Unter meinen Füßchen ist nichts außer Wasser.

Ich kann nicht mehr kämpfen. Meine Kräfte lassen nach. Meine Lungen füllen sich mit Wasser. Ich gebe nicht auf, aber ich habe überhaupt keine Chance mehr. Ich sterbe allein und hilflos im rauschenden Fluss.

Obwohl wir 15 Minuten nach Eingang der Meldung da waren, konnten wir ihr nicht mehr helfen – zu lange war sie schon im Wasser. RIP du zarte Seele. Einsatz am 02.09.26 in Horb. Text: Louisa B.